Ich dachte, ich hätte diese Version von mir längst hinter mir gelasse
- Nadia Zimotti
- 17. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Letzte Woche vor dem zu Bett gehen stand ich vor dem Spiegel und erkannte etwas als ich mir tief in die Augen schaute.
Ich erkannte die Version von mir, die ich eigentlich längst hinter mir gelassen glaubte.
Eine Version, die denkt, dass mehr immer besser ist.
Mehr arbeiten.
Mehr leisten.
Mehr geben.
Mehr tragen.
Mehr retten.
Denn dann wird irgendwann alles gut.
Dabei war es eigentlich kein Wunder, dass ich an diesem Abend dort stand nach einem Webinar.
Mein Business befindet sich im Aufbau.
Ferienhaus vermieten befindet sich im Aufbau.
Kumkuma Gewürze möchte ich am Leben halten.
Gefühlt ist gerade alles in meinem Leben entweder im Aufbau oder in einer Art Rettungsmodus.
Und ohne es zu merken, war ich wieder in eine alte Geschichte hineingerutscht.
Eine Geschichte, die ich schon als Kind gelernt habe und die, die letztes Jahr im Wandel war.
Die Geschichte, dass harte Arbeit belohnt wird.
Dass man sich Sicherheit verdienen muss.
Dass man nur genug tun muss und dann wird irgendwann alles leichter.
Während ich vor dem Spiegel stand, bemerkte ich, wie gereizt, wie angespannt und wie sehr innerlich wieder einmal gegen mich selbst kämpfte.
Und plötzlich verstand ich etwas.
Nicht mein Business machte mir Druck.
Nicht Kumkuma oder das Aussen und auch nicht das Ferienhaus.
Sondern eine alte Version von mir hatte wieder das Steuer übernommen.
Die Version, die glaubt, dass ihr Wert davon abhängt, wie viel sie schafft.
Die Version, die denkt, dass sie nur noch ein bisschen mehr machen muss.
Nur noch eine Aufgabe.
Nur noch eine Idee.
Nur noch ein Projekt.
Als würde hinter der nächsten erledigten Aufgabe endlich das Gefühl warten, genug zu sein.
An diesem Abend im Bad fragte mich mein Partner einen einzige Frage und plötzlich war ich wieder dort weinend auf seinem Schoss.
Und da war auch wieder die Frau mit der alten Geschichte.
Diejenige, die alles hinschmeissen möchte.
Diejenige, die denkt, sie schafft das nicht.
Diejenige, die glaubt, dass sie alleine für alles verantwortlich ist.
Früher hätten solche Momente mich tagelang begleitet und ja vielleicht auch Wochen.
Ich hätte an allem gezweifelt und mich zurückgezogen.
Und genau dort wurde mir bewusst, was sich verändert hat:
Nicht die Geschichte denn die zeigt sich noch immer.
Nicht die Angst; auch sie meldet sich noch.
Nicht die Prägungen; die sind nicht einfach verschwunden.
Was sich verändert hat, ist etwas anderes:
Ich erkenne sie schneller und bemerke früher, wenn wieder eine alte Geschichte beginnt, mir zu erzählen, wer sein soll.
Und genau in diesem Moment entsteht Freiheit.
Denn wenn ich erkenne, dass gerade eine alte Version von mir spricht, muss ich ihr nicht mehr automatisch glauben.
Ich kann sie wahrnehmen.
Ich kann verstehen, woher sie kommt.
Ich kann fühlen, was sie in mir auslöst.
Und trotzdem entscheiden, ob ich ihr folgen möchte.
Am nächsten Morgen stand ich auf und traf eine Entscheidung:
Nicht die Frau von gestern Abend zu sein.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir oft vergessen.
Wachstum bedeutet nicht, dass alte Geschichten verschwinden.
Wachstum bedeutet nicht, dass wir nie wieder Angst haben.
Wachstum bedeutet nicht, dass wir nie wieder in alte Muster fallen.
Vielleicht bedeutet Wachstum, dass wir erkennen, was gerade passiert.
Dass wir bemerken, wenn eine alte Geschichte wieder an unsere Tür klopft und dann bewusst entscheiden können, ob wir sie erneut hereinlassen.
Denn nichts im Aussen wird uns retten.
Nicht mehr Umsatz.
Nicht mehr Kunden.
Nicht ein erfolgreiches Projekt.
Nicht ein Ziel, das wir erreichen.
Wenn wir glauben, dass Sicherheit erst dann kommt, wenn endlich alles läuft, werden wir ihr ewig hinterherrennen.
Sicherheit beginnt nicht im Aussen.
Sie beginnt in dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir mehr sind als unsere Gedanken.
Mehr als unsere Ängste.
Mehr als unsere Prägungen.
All das hat uns geprägt.
All das hat uns geformt.
All das gehört zu unserem Weg.
Aber nichts davon bestimmt, wer wir heute sein müssen.
Früher hätte mich dieser Abend vielleicht eine Woche gekostet.
Heute war es eine Nacht.
Und genau darin erkenne ich, wie viel sich bereits verändert hat.
Von Herzen
Nadia




Wundervolle Erkenntnis liebe Nadia. Genau darum geht es: nicht nie mehr „zurückfallen“, sondern es schneller erkennen und sich erlauben, anders zu handeln.