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Muss Heilung wirklich laut aussehen?

12. Sept.
2 Min. Lesezeit


Ich weiß nicht, ob es dir auch schon aufgefallen ist.

Seit einiger Zeit begegnen mir auf Social Media immer mehr Videos von Frauen, die während eines Retreats schreien, zittern, unkontrolliert weinen oder ekstatische Körperreaktionen erleben. Andere tanzen mit nacktem Oberkörper ums Feuer oder berichten von spirituellen Orgasmen, die sie zurück in ihre weibliche Kraft gebracht hätten. Und vergessen wir nicht, dass in manchen Kontexten schnell mal auch psychoaktive Substanzen eingesetzt werden, um das Erleben zusätzlich zu intensivieren.

Und gerade wenn solche Substanzen ins Spiel kommen, finde ich es wichtig, individuell zu hinterfragen, ob ihre Anwendung für manche Menschen wirklich der richtige Weg ist oder ob sie unter bestimmten Umständen mehr Risiken als Nutzen mit sich bringen kann.


Da stelle ich mir oft dieselbe Frage.

Seit wann haben wir begonnen zu glauben, dass Heilung spektakulär aussehen muss? Und wieso hast du oft das Gefühl, das andere weiter und besser sind weil sie villeicht sogar Substanzen genommen haben?


Ich möchte an dieser Stelle etwas Wichtiges sagen.

Dieser Beitrag richtet sich nicht gegen Frauenkreise. Nicht gegen Atemarbeit. Nicht gegen Tantra. Und auch nicht gegen intensive körperliche Erfahrungen.

Ich zweifle nicht daran, dass solche Erlebnisse für manche Menschen zutiefst heilsam sein können.


Was mich beschäftigt, ist etwas anderes.

Social Media zeigt uns fast ausschließlich den intensivsten Moment einer Erfahrung.

Den Moment, in dem jemand schreit.

Den Moment, in dem jemand zittert.

Den Moment, in dem jemand zusammenbricht.

Was wir kaum sehen, ist alles, was danach kommt.

Wie lebt diese Frau drei Wochen später?

Wie geht sie mit Konflikten um?

Kann sie heute besser Grenzen setzen?

Hat sich ihr Alltag wirklich verändert?

Wie geht es ihr innerlich?


Denn genau dort beginnt für mich Heilung.

Nicht im intensivsten Moment.

Sondern in dem Leben, das danach folgt.

Lange Zeit dachte auch ich, je intensiver ein Prozess aussieht, desto tiefer muss die Veränderung sein.


Doch wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, waren die größten Wendepunkte erstaunlich still.

Sie bestanden nicht aus Schreien.

Nicht aus Zittern, nicht immer...

Nicht aus einem spektakulären Durchbruch.

Sie entstanden in Gesprächen mit bewussten Menschen.

In einer Entscheidung oder in einer Erkenntnis.

In Tränen, die niemand außer mir gesehen hat.


Heute glaube ich nicht mehr, dass wir Heilung daran messen können, wie laut sie aussieht.


Vielleicht ist die größte Veränderung genau die, die niemand bemerkt.

Weil sie nicht auf einer Bühne passiert.

Sondern tief in uns.


Im nächsten Beitrag möchte ich eine Frage stellen, die mich schon lange beschäftigt:

Wann wurde Weiblichkeit eigentlich zu einer Performance?

 
 
 

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