Eine Geschichte über eine Frau, die glaubte, alles tragen zu müssen
- Nadia Zimotti
- 9. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Vor Kurzem sass eine Frau vor mir und sagte einen Satz, den ich in meiner Arbeit immer wieder höre und den ich selbst nur zu gut kenne:
„Ich spüre mich überhaupt nicht. Wenn du mich auf der Liege etwas fragst, weiss ich nicht, was ich fühle.“
Während sie sprach, beobachtete ich sie.
Und je länger ich zuhörte, desto mehr dachte ich: Nein. Das stimmt nicht.
Im Laufe unseres Gesprächs erzählte sie mir von ihrer Kindheit. Ihre Mutter war krank. Damals wusste das niemand, zumindest nicht offiziell. Und trotzdem spürten die Kinder, dass etwas nicht stimmte. Kinder spüren unglaublich viel.
Sie spüren Spannungen, Sorgen und die Dinge, über die niemand spricht. Sie nehmen wahr, wenn etwas in einem Raum nicht stimmt, auch wenn kein einziges Wort darüber verloren wird.
Doch immer wieder hörte sie denselben Satz:
„Nein, nein, alles gut.“
Obwohl nichts gut war.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das viele Menschen ihr ganzes Leben begleitet.
Nicht weil sie aufhören zu fühlen. Sondern weil sie beginnen, ihrer Wahrnehmung nicht mehr zu vertrauen. Wenn ein Kind immer wieder spürt, dass etwas nicht stimmt, und gleichzeitig gesagt bekommt, dass alles in Ordnung sei, entsteht irgendwann ein innerer Konflikt.
Spüre ich das wirklich?
Oder bilde ich mir das nur ein?
Kann ich meiner Wahrnehmung vertrauen?
Oder haben die anderen recht?
Während wir sprachen, erinnerte ich sie an eine Geschichte, die sie mir einmal erzählt hatte. Als kleines Mädchen klingelte das Telefon. Noch bevor ihr Vater abhob, sagte sie ganz selbstverständlich:
„Der Hund meiner Tante ist gestorben.“
Wenige Augenblicke später erfuhr ihr Vater am Telefon genau das.
Mich berühren solche Geschichten nicht, weil sie aussergewöhnlich sind. Mich berühren sie, weil sie zeigen, wie viel wir oft wahrnehmen, lange bevor unser Verstand dafür eine Erklärung hat. Und gleichzeitig fragte ich mich:
Wie oft muss ein Mensch solche Erfahrungen machen, bis er merkt, dass er sehr wohl spürt?
Und wie oft muss ein Mensch hören, dass alles in Ordnung ist, obwohl es nicht stimmt, bis er beginnt, genau daran zu zweifeln?
Je länger wir sprachen, desto klarer wurde mir, dass diese Frau ihr Leben lang gelernt hatte, andere wahrzunehmen. Sie spürte sofort, wenn es jemandem nicht gut ging. Sie merkte, wenn sich etwas veränderte. Sie hörte zwischen den Zeilen.
Und vielleicht begann genau dort auch die Last, die sie heute noch trägt.
Denn wenn ein Kind wahrnimmt, dass etwas nicht stimmt, und niemand darüber spricht, übernimmt es oft unbewusst eine Aufgabe, die nie seine Aufgabe gewesen wäre.
Aus dem Gefühl „Da stimmt etwas nicht“ wird plötzlich:
„Ich muss etwas tun.“
„Ich muss helfen.“
„Ich muss aufpassen.“
„Ich muss es lösen.“
Vielleicht war genau das der Moment, in dem sie begann, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die nie ihre Verantwortung waren.
Heute ist sie Mutter von zwei Kindern. Eine unglaublich liebevolle Mutter. Eine Frau mit einem grossen Herzen, die für viele Menschen da ist und oft mehr wahrnimmt, als ihr selbst bewusst ist. Und trotzdem begleitet sie immer wieder das Gefühl, nicht genug zu sein. Dass andere es besser machen. Dass sie etwas übersieht. Dass sie noch mehr tun müsste.
Während sie sprach, hatte ich immer wieder das Bild eines Ankers vor Augen.
Sie sah sich selbst oft als diejenige, die alles zusammenhalten muss. Für ihre Kinder. Für ihren Mann. Für ihre Familie. Für die Menschen um sie herum.
Doch je länger wir darüber sprachen, desto mehr veränderte sich dieses Bild.
Ja, sie ist ein Anker.
Aber sie ist nicht der einzige.
Jeder Mensch trägt seinen eigenen Anker.
Jeder Mensch hat seine eigenen Herausforderungen, seine eigenen Entscheidungen und seinen eigenen Weg.
Wir können Menschen begleiten.
Wir können sie lieben.
Wir können ihnen zuhören.
Aber wir können ihr Leben nicht für sie leben und schon gar nicht ihr Probleme lösen.
Irgendwann sagte sie etwas, das mich noch lange berührt hat:
„Genau in den Momenten, in denen ich es am meisten bräuchte, sieht mich niemand.“
Und plötzlich ergab auch das Sinn. Denn wenn wir unser Leben lang gelernt haben, zwischen den Zeilen zu lesen, entwickeln wir oft die Hoffnung, dass andere das ebenfalls tun.
Dass sie bemerken, wenn uns etwas beschäftigt.
Dass sie sehen, wenn wir müde werden.
Dass sie wahrnehmen, wenn wir Unterstützung brauchen.
Und manchmal tun sie das sogar.
Doch kein Mensch kann zuverlässig erraten, was in uns vorgeht, wenn wir es selbst nicht zeigen oder aussprechen.
Besonders viele Frauen kennen das.
Sie kümmern sich um alle.
Sie denken an alles.
Sie sorgen dafür, dass es den Kindern gut geht, dem Partner gut geht und die Familie funktioniert.
Und irgendwann stellen sie fest, dass niemand fragt, wie es ihnen selbst geht.
Doch vielleicht liegt das nicht immer daran, dass niemand hinschaut.
Vielleicht liegt es manchmal daran, dass wir so lange die Starke waren, dass niemand auf die Idee kommt, dass auch wir müde sein könnten.
Dass auch wir Unterstützung brauchen.
Dass auch wir uns manchmal wünschen würden, gehalten zu werden.
Oder was ich von vielen Männern höre ist, dass wenn sie Fragen die Frau mürisch antwortet jaja alles gut. (Wer kennst's?)
Wenn eine Frau ständig darauf achtet, dass es allen anderen gut geht, ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt und nach aussen zeigt, dass sie alles im Griff hat, wie sollen andere erkennen, was sie gerade wirklich braucht?
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb dort, wo wir aufhören zu hoffen, dass andere unsere Bedürfnisse zwischen den Zeilen lesen.
Und beginnen, uns selbst die Erlaubnis zu geben, sie auszusprechen.
Denn irgendwann wird es anstrengend, immer die Starke zu sein.
Immer diejenige zu sein, die hält.
Die versteht.
Die spürt.
Die für alle da ist.
Vielleicht liegt wahre Stärke nicht darin, alles alleine zu tragen.
Vielleicht liegt sie darin, sich auch tragen zu lassen.
Von Herzen
Nadia




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