Wann Persönlichkeitsentwicklung mehr schaden kann als Wachstum
- Nadia Zimotti
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Eines Nachmittags sass ich da und wusste nicht, ob ich am Abend in einen Raum mit wundervollen Frauen eintreten soll oder nicht.
Eigentlich eine einfache Entscheidung.
Und trotzdem hat mich diese Frage den ganzen Nachmittag begleitet.
Irgendwann schrieb ich im Chat und fragte nach dem Thema des Abends.
Als die Nachricht abgeschickt war, dachte ich sofort:
Warum frage ich das eigentlich?
Die Antwort kam kurze Zeit später von der Raumhalterin.
Zuerst ein Austausch darüber, wie der Monat war, danach ein Clearing und eine Meditation. Und kaum hatte ich die Nachricht gelesen, begann es in mir zu arbeiten.
Du solltest dabei sein.
Gerade jetzt.
Du hast doch wieder ein Thema.
Vielleicht kommt genau heute die Erkenntnis, die du brauchst.
Vielleicht verpasst du etwas.
Und je länger ich mit diesen Gedanken sass, desto klarer wurde mir, dass es gar nicht um den Raum ging.
Es ging auch nicht um die Meditation.
Und es ging nicht um das Thema des Abends.
Es ging um etwas, das ich von mir sehr gut kenne.
Dieses Gefühl, etwas verpassen zu können.
Dieses Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein.
Dieses Gefühl, dass irgendwo da draussen vielleicht noch etwas auf mich wartet:
Noch eine Erkenntnis. Noch ein Impuls. Noch etwas, das verstanden werden möchte.
Noch etwas, das geheilt werden sollte.
Und plötzlich wurde mir bewusst, wie schnell Persönlichkeitsentwicklung zu etwas werden kann, das sie eigentlich nie sein wollte.
Denn irgendwann beginnt man zu glauben, dass Wachstum bedeutet, ständig an sich zu arbeiten:
Immer noch etwas zu finden, das verbessert werden kann.
Immer noch etwas zu lösen.
Immer noch etwas aufzuarbeiten.
Und ohne es zu merken, wird das eigene Leben zu einem Projekt.
Dabei hat doch alles einmal ganz anders begonnen.
Die meisten Menschen machen sich auf diesen Weg, weil sie sich selbst kennenlernen möchten. Weil sie verstehen möchten, warum sie fühlen, denken und handeln, wie sie es tun. Weil sie freier werden möchten.
Doch irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges.
Aus dem Wunsch, sich selbst kennenzulernen, wird langsam der Wunsch, sich selbst zu optimieren.
Und genau dort habe ich mich heute Nachmittag wiedergefunden.
Nicht, weil der Raum falsch gewesen wäre.
Nicht, weil Meditation falsch ist.
Nicht, weil Coaching falsch ist.
Sondern weil ich gespürt habe, dass ich gerade nicht aus einem echten Ja heraus teilnehmen wollte.
Wenn ich ehrlich bin, wollte ein Teil von mir einfach die Sicherheit haben, dass ich nichts verpasse. 10 Minuten vor Beginn schrieb ich der Raumhalterin und meldete mich ab.
Es war kein grosses Drama.
Keine riesige Erkenntnis.
Und trotzdem passierte genau dort etwas.
In dem Moment, als die Nachricht abgeschickt war, wurde es ruhig in meinem Körper.
Als hätte mein Körper die Antwort längst gekannt und nur darauf gewartet, dass ich endlich zuhöre.
Das Spannende daran:
Mein Muster war nicht verschwunden.
Die Angst, etwas zu verpassen, war immer noch da.
Der Gedanke, dass ich vielleicht einen wichtigen Impuls verpasse, war immer noch da.
Die Unsicherheit war immer noch da.
Der Unterschied war nur:
Ich habe entschieden meinem Muster, meiner Angst, meinen Gedanken nicht mehr zu glauben.
Und genau dort kam für mich die eigentliche Erkenntnis.
Vielleicht besteht Wachstum nicht darin, irgendwann keine Muster mehr zu haben.
Vielleicht besteht Wachstum nicht darin, alles wegzuheilen.
Vielleicht besteht Wachstum nicht darin, die beste Version von sich selbst zu werden.
Vielleicht besteht Wachstum darin, sich selbst immer besser kennenzulernen.
Denn manche Ängste, Muster und Prägungen begleiten uns schon so lange, dass wir irgendwann glauben, diese selbst zu sein.
Dabei sind sie oft einfach Geschichten.
Geschichten, die wir übernommen haben.
Geschichten, die uns vorgelebt wurden.
Geschichten, die wir irgendwann angefangen haben zu glauben.
Und vielleicht besteht der Weg nicht darin, noch tiefer nach der nächsten Blockade zu graben.
Vielleicht besteht der Weg darin, immer klarer unterscheiden zu können:
Was bin wirklich ich?
Und was ist eine alte Geschichte?
Was ist meine Wahrheit?
Und was ist eine Prägung?
Was ist mein Wunsch?
Und was ist die Angst, etwas zu verpassen?
Denn in dem Moment verändert sich etwas.
Nicht weil die Muster verschwinden.
Sondern weil sie nicht mehr jede Entscheidung für uns treffen.
Und dann beginnen wir Entscheidungen zu treffen, die sich nach uns selbst anfühlen.
Nicht nach der Vergangenheit.
Nicht nach alten Prägungen.
Nicht nach dem, was andere für richtig halten.
Nicht nach dem, was man glaubt tun zu müssen.
Sondern nach einem selbst.
Denn vielleicht lernen wir uns nicht kennen, indem wir immer tiefer graben.
Vielleicht lernen wir uns kennen, indem wir beobachten:
Wann handle ich aus Angst?
Wann handle ich aus Gewohnheit?
Wann handle ich aus einer alten Geschichte?
Und wann handle ich wirklich aus mir heraus?
Ich glaube, Persönlichkeitsentwicklung darf irgendwann aufhören, ein ständiges Reparieren von sich selbst zu sein.
Und anfangen, ein Kennenlernen von sich selbst zu werden.
Von Herzen
Nadia



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